Projektbeschreibung "Unser Platz"

1. Angaben zum Antragssteller

1.1. Der Träger Dissens e.V.

Dissens e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, anerkannter Träger der Jugendhilfe mit Beratungs-, Bildungs- und Forschungs- sowie Jugendarbeitsprojekten. Der Verein wurde 1990 mit dem Ziel gegründet, Geschlechterdemokratie zu fördern, Geschlechterhierarchien, insbesondere in der Berufsarbeit, abzubauen und Prävention von durch Männer und männliche Jugendliche ausgeübte Gewalt zu leisten.

Die Arbeit des Vereins wird durch Mittel des Jugendamtes, des Bundes, der EU und durch Spenden finanziert. Z.Zt. arbeiten 13 Personen bei Dissens e.V.. MitarbeiterInnen von Dissens e.V. sind in der lokalen Vernetzung (Jugendhilfeausschuss, Vernetzungsrunde, AG geschlechterdifferenzierter Arbeit), landesweit (LAG Gender Mainstreaming in der Jugendhilfe) und bundesweit (Männerforum, AK kritische Männer) engagiert.

1.2. Bisherige Arbeitsfelder von Dissens e.V.

Die geschlechterdifferenzierte Jugendarbeit ist, neben Geschlechterforschung und Gender Mainstreaming, das Kernarbeitsfeld. Hier bieten wir: soziale Gruppenarbeit, eine Jungen-Wohngemeinschaft, Projekttage für Jungen aus Schulklassen, Jungentage zu speziellen Themen und Fortbildungen zur Jungenarbeit an.

2. Konzeptionelle Beschreibung und Durchführung des Projektes

Das Projekt "Unser Platz" ist als gemeinsames Produkt von vier freien Trägern, drei kommunalen Trägern, dem Jugendamt, dem "Kinder und Jugendbüro" und der Stattbau GmbH entwickelt worden, wird von diesen allen in der Durchführung unterstützt und auch nach Ablauf des Projektzeitraumes weiter begleitet werden (vgl. auch beiliegende Mitwirkungserklärungen). Dissens e.V. wird die Rolle des Projektträgers, -moderators und -organisators übernehmen. Zurückgreifen können wir auf die positiven Erfahrungen der Nachbarschaft mit dem von Stattbau GmbH angeleiteten Bürgerbeteiligungsverfahren.

2.1. Konkreter Bedarf

Der Plattenbaubezirk Marzahn-Hellersdorf ist durch einen hohen Aussiedleranteil und eine zunehmende Verschlechterung der sozialen Lage gekennzeichnet. Angesichts fehlender Zukunftsperspektiven für einen relativ großen Teil der im Bezirk lebenden Kinder und Jugendlichen wird das zunehmende Schrumpfen offener und bezahlbarer Freizeitangebote durch den Aufenthalt in öffentlichen Räumen (Straße, Plätze, Spielplätze) kompensiert und führt zu einer Anspannung der Atmosphäre, Konflikten und wachsender Kleinkriminalität.

Im Sozialraum Marzahn-Mitte ist mit Bürgerbeteiligungsverfahren und mit finanzieller Unterstützung von dem Sanierungsträger Stattbau, Stadtentwicklungsgesellschaft mbH, ein circa 16.000 Quadratmeter großer Platz saniert und als multifunktionaler Sport- und Bewegungsraum eingerichtet worden.

Der Platz befindet sich im Fachvermögen der Abteilung Bildung, Kultur und Sport des Bezirksamtes Marzahn-Hellersdorf und ist offen zugänglich.

Die Gestaltung der Anlage im Ganzen ist sehr gelungen, so dass der Platz bereits von vielen Jugendlichen, hauptsächlich Jungen, genutzt wird. Gleichzeitig entstehen nach ersten negativen Erfahrungen bei verschiedenen mit der Anlage befassten Ämtern, bei Anwohnern und auch umliegenden Projekten starke Bedenken, dass der Platz ohne angeleitete und pädagogisch begleitete Aktivitäten schnell verwahrlosen und es außerdem zu Vandalismusschäden wie auch Konflikten unter den NutzerInnen und mit den Nachbarn kommen könnte.

2.2. Ziele

Durch aktive Unterstützung, Einübung und Anwendung von Partizipationsverfahren soll dieser Platz für Kinder, Jugendliche und die Nachbarschaft zu "unserem Platz" werden, den sie gemeinsam "besitzen", benutzen, pflegen und gestalten. Unter Einbeziehung von Kindern, Jugendlichen, Nachbarn und Freien und Öffentlichen Trägern der Jugendarbeit soll mit Moderation eines Trägers hier ein offenes Kinder- und Jugendangebot gestaltet werden, das interkulturellen, partizipativen und geschlechtergerechten Ansprüchen gerecht wird. Vor allem Jugendliche aber auch Kinder sollen in die Lage versetzt werden, im Projektverlauf selbst Angebote zu gestalten und in Partizipationsverfahren Interessenskonflikte auszuhandeln.

Einzelne Partizipationsverfahren (wie Sportplatzversammlungen, Wunschbaum, Dialogtafel) und jahreszeitlich gebundene Feste sollen sich verfestigen und zusammen mit dem Modell der Sportplatzpaten eine sich selbst tragende, ohne professionelle Hilfe auskommende Struktur bilden. Hier kann mit dem Platz im Zentrum ein mit offenen und klaren Regeln gestalteter Sozialraum entstehen, in dem sich die NutzerInnen ihre Angebote selber schaffen, wobei Kinder und Jugendliche eine führende, konstruktive Stellung einnehmen.

Nach drei Jahren soll "unser Platz" durch die Kinder, Jugendlichen und die Nachbarschaft leben.

2.3. Zielgruppe

Zielgruppe sind circa 500 Kinder und Jugendliche aus der Nachbarschaft und den umliegenden Schulen. Circa ein Viertel der Zielgruppe besteht aus jungen AussiedlerInnen. Auch verhaltensauffällige und "schwierige" Kinder und Jugendliche sollen erreicht werden. Maximal ein Fünftel der Angebote sollen auch für die erwachsene Nachbarschaft offen sein, damit diese den Platz aktiv nutzen und dann auch (langfristig) unterstützen und nicht wegen Lärmbelästigung oder ähnlichem auf dessen Schließung hinarbeiten.

Jugendliche sollen auf dem Platz eine konstruktive, führende und verantwortliche Stellung einnehmen.

2.4. Angebot

Zusammen mit Kindern und Jugendlichen und in Kooperation mit verschiedenen Organisationen, die in dem Sozialraum tätig sind, wird auf diesem Platz ein attraktives Angebot entwickelt, das Jugendliche und auch Anwohner dazu animiert, sich auf dem Platz aufzuhalten:

  • es soll das ganze Jahr hindurch ein vielfältiges, breite Zielgruppen ansprechendes Sport-, Spiel- und Bewegungsangebot geben;
  • für AnwohnerInnen und PlatznutzerInnen soll es regelmäßig Feste und Turniere geben;
  • für in Beteiligungsverfahren ermittelte Interessen soll es gezielte Angebote geben (z.B. spezielle Sportveranstaltungen, Bewegungstrainings).

Jugendliche (und Kinder in einem eingeschränkten Maße) werden dazu angeleitet, Verantwortung zu übernehmen:

  • Jugendliche werden darin geschult, selber Bewegungsangebote zu machen (Z.B. Einradfahren und Jonglage);
  • ihnen wird angeboten, Mediationsverfahren zu erlernen und (zuerst unter Anleitung) anzuwenden;
  • sie werden darin unterstützt, Feste und Turniere zu organisieren;
  • Kinder und Jugendliche lernen in einem interkulturellen und intergenerativen Kontext - zunächst mit Unterstützung von PädagogInnen - ihre Interessen zu vertreten und in Aushandlungsprozessen Lösungen zu entwickeln, die allen Beteiligten entsprechen.

2.5. Konkrete Umsetzung

2.5.1.Methoden:

1. Partizipationsorientierte Verfahren
Partizipationsverfahren
Befragungen und Gespräche mit Nachbarn, Kindern und Jugendlichen, Spielplatzplanungsparty, Nachbarschaftsversammlungen, Konsensuskonferenzen, Kinder- und Jugendkonferenzen, Wunschbaum, Zukunfts- und Perspektivenwerkstatt, Planungszirkel, Dialog- und Kommunikationswände, "Meine Meinung", Planungssprint, u.a.
(Konflikt)Mediation
Jugendliche erhalten Fortbildung zu Mediation und Moderation.
Kulturlotsen
Jugendliche lernen mit Unterschieden (Alter, Geschlecht, körperlicher Verfassung, kulturellem Hintergrund) umzugehen und bei Konflikten zu vermitteln.
Sportplatzpatenschaften
Jugendlichen ab 16 Jahren, erwachsenen Nachbarn und interessierten Geschäftsleuten und PolitikerInnen werden Sportplatzpatenschaften angeboten. Mit der Übernahme einer Patenschaft verpflichten sich die Betreffenden zu einer genau festgelegten, langfristigen Unterstützung des Sportplatzes. Dies kann von einmal pro Monat Aufräumen über regelmäßiges Fußballtraining über Öffentlichkeitsarbeit und Hilfe bei Festen bis zu monatlichen Spenden reichen.
2. Bewegungsangebote
Bewegungsangebote mit geschlechtsspezifischer Schwerpunktsetzung
Geschlechtergerechter Fußball
Hier wird leistungsfähiger Fußball trainiert, der die Trainerfixiertheit und Hierarchie auflöst, Verantwortung für Übungseinheiten an die MitspielerInnen übergibt, den Focus nicht auf den "Foulenden" sondern auf den "Gefoulten" richtet und in den jede und jeder, unabhängig von ihrem/seinem Spieltalent einbezogen wird.
Einradfahren und Jonglage
Diese weniger stark geschlechtsspezifisch zugeordneten Sportarten sollen als besondere Attraktion zuerst einer Gruppe von MultiplikatorInnen (Mädchen, jugendliche Aussiedler, Nachbarn) angeboten werden, die auf dem Platz noch unterrepräsentiert sind und die dadurch die Chance erhalten, als MultiplikatorInnen ein attraktives Angebot für weitere NutzerInnen zu machen. Gerade für Jugendliche, die verbal weniger versiert sind, ist dies eine spannende Möglichkeit, sich mit eigenen (hier neu erworbenen) Kompetenzen zu präsentieren und gleichzeitig Verantwortung für den Lernprozess anderer mit zu übernehmen.
Bewegungsangebote mit integrationsorientierter Schwerpunktsetzung

Um die NutzerInnenvielfalt auf dem Platz zu erhöhen, werden in der ersten Phase gezielte Angebote für spezielle Zielgruppen angeboten, z.B. Inliner-Skating-Kurse für Mädchen, Boule-Nachmittage für Erwachsene, Spiele für Familien, Spielaktionen, die auch die Beteiligung von kleineren Kindern sowie von Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen ermöglichen.

Weitere Bewegungsangebote
  • Bewegungsangebote aus klassischen Sportarten wie z.B. Fußball, Leichtathletik, ...
  • Train the young trainer - Maßnahmen in allen genannten Bereichen.
3. Sozialraumorientierte Maßnahmen
Feste
Es sollen jeden Sommer mindestens drei Feste stattfinden, die ein attraktives Angebot für die Nachbarschaft und Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichsten Kulturkreisen bieten. In die Gestaltung und Durchführung der Feste sollen die NutzerInnen und AnwohnerInnen des Platzes sukzessive immer mehr einbezogen werden.
Organisation von Sportturnieren
Fußball, Basketball, Skateboard, Schach, Boule, ....
Öffentlichkeitsarbeit
Regelmäßig wird durch Flugblätter, Artikel in den Regionalzeitungen, Aushänge und Dialog- und Kommunikationswände auf dem Platz auf die Aktivitäten hingewiesen und zum Mitmachen eingeladen.
4. Weiterführende sozialpädagogische Begleitung in Einzelfällen

Kinder und Jugendliche, die sich in einer schwierigen persönlichen Situation befinden, werden phasenweise von einem Mitarbeiter / einer Mitarbeiterin individuell unterstützt und ggf. in ein Hilfeangebot des Jugendamtes vermittelt.

Durch die Stattbau GmbH sind zusätzliche Gelder akquiriert worden, mit denen ein mobiler Aufenthaltsraum auf dem Platz errichtet und eingerichtet wird. So wird es möglich, das Angebot auch bei Regen und kälterem Wetter aufrecht zu erhalten.

2.5.2. Zeitplan

Im ersten halben Jahr soll zunächst mit den bisherigen Nutzern (v.a. Jungen) des Platzes gearbeitet werden. Sukzessive sollen Angebote für weitere Zielgruppen (Mädchen, Kinder, Erwachsene) eingerichtet werden. Über Feste, erste kleine Turniere und die Kurse zu Jonglage und Einradfahren sollen noch mehr Nachbarn erreicht werden und Jugendliche beginnen, Verantwortung zu übernehmen.

Nach einem dreiviertel Jahr soll mit den ersten Partizipationsverfahren und der Schulung von Jugendlichen zu Peerhelpern und Konfliktmoderatoren begonnen werden. Ab dem zweiten Jahr werden NutzerInnen verstärkt in die Planung und Gestaltung von Angeboten einbezogen. Fortlaufend findet ein regelmäßigen Austausch aller beteiligten Träger und Organisationen statt.

2.6. Personalstelle

Mit einer festen Stelle wird die Gesamtkoordination (alle beteiligten Träger, Verwaltungen, Ehrenamtliche, Honorarkräfte) geleistet. Weiterhin werden Bewegungs- und Sportangebote für unterschiedliche Gruppen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen angeleitet werden; Feste und Turniere auf dem Platz organisiert; Partizipationsprozesse ein- und angeleitet; ein einladender und offener Platz mit gestaltet; Honorarkräfte und Ehrenamtliche angeleitet und Dokumentation, Evaluation und Öffentlichkeitsarbeit durchgeführt werden.

Die Hauptaufgabe der Honorarkräfte ist es, dazu beizutragen, dass ein vielschichtiges, sehr unterschiedliche Gruppen von Jugendlichen, Kindern und Erwachsenen ansprechendes Programm angeboten werden kann.

Wir favorisieren hier Honorarkräfte, da wir davon ausgehen, dass eine Vielzahl unterschiedlicher Personen in der Lage sind, ein inhaltlich viel breiteres Angebot zu gewährleisten als ein Festangestellter. So sollen Fachkräfte für alle Sportarten, die auf dem Platz möglich sind, engagiert werden sowie Fachkräfte, die spezielle Bewegungs- und Spielangebote machen können und Fachkräfte, die die Jugendlichen zu Peerhelpern und KonfliktmoderatorInnen ausbilden können. In der Zusammenarbeit mit dem Festangestellten kann es so das ganze Jahr hindurch jeden Tag zwei bis drei sportliche/inhaltliche Angebote geben.

Weitere Honorarkräfte werden für Supervision, Fortbildung (für die Ehrenamtlichen) und für besondere Aktionen, wie Einradfahren und Jonglage, in denen Jugendliche zu MultiplikatorInnen ausgebildet werden, engagiert werden.

2.7. Begründung der Zuschussbeantragung

Ohne die Unterstützung durch die Aktion Mensch könnte dieses Projekt nicht durchgeführt werden. Weder das Land Berlin noch der Bezirk verfügen über die Mittel. Die vorhandenen Eigenmittel des Trägers reichen alleine nicht aus.

2.8. Erwartete Projektergebnisse, Dokumentation und Verbreiterung

Während der dreijährigen Laufzeit soll ein immer bunteres und vielfältigeres Angebot auf dem Platz entstehen, das unterschiedlichste Zielgruppen anspricht. Diverse Beteiligungsverfahren werden eingeübt; hier soll sich eine stabile Gruppe von Ehrenamtlichen und NutzerInnen unterschiedlichsten Alters entwickeln, die gemeinsam gestaltet und Verantwortung übernimmt. Jugendliche sollen hierbei eine zentrale, tragende Rolle spielen. Sportplatzpaten übernehmen für einen festgelegten Zeitraum eine selbstbestimmte Aufgabe, unterstützen den Platz durch Ressourcen oder ehrenamtliche Mitarbeit.

Nach der Anlaufphase von drei Jahren sollen die hier eingeübten Formen der Partizipation, der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Kulturen, der Nachbarschaftsverantwortung so stark verankert sein, dass der Platz in gemeinsamer Verantwortung der Jugendlichen, Kinder und der umliegenden Nachbarschaft genutzt, gestaltet und gepflegt wird, mit nur noch minimalem Begleitaufwand durch professionelle PädagogInnen.

Dieses Projekt lebt davon, dass die gesamte Nachbarschaft und der Sozialraum regelmäßig über die stattfindenden Aktivitäten informiert wird (Aushänge, Flugblätter, Artikel in Regionalzeitungen). Alle Tätigkeiten werden kontinuierlich dokumentiert. Darüber hinaus wird der gesamte Prozess evaluiert (Selbstevaluation) und in Fachgremien diskutiert werden. Es ist angestrebt, die Projektergebnisse nicht nur im Internet, sondern auch in der Fachpresse zu veröffentlichen.